06.06.2023 00:00 Alter: 321 days
Kategorie: Aktuelles Heft, Startseite

Kann man sich Lammfleisch und Ziegenkäse noch leisten?

Corona, Krieg und Inflation haben das tägliche Leben teurer gemacht. Konsumenten beginnen oft bei hochpreisigen Lebensmitteln zu sparen. Wir haben einige Direktvermarkter gefragt, ob ein Umsatzrückgang spürbar ist.

Foto: Oksana Mizina/shutterstock.com

Anja Deutsch, Schäferei Deutsch, Schafmilchprodukte, Fehring, Steiermark

 

Hofladenbau unterbrochen

 

In der Corona-Zeit kauften die Leute mehr von unseren Produkten. Seit letztem Sommer bemerken wir einen Rückgang der Verkaufszahlen, der sich bis jetzt durchgezogen hat. Dieser beläuft sich auf ein Viertel der gesamten Einnahmen. Also es macht schon viel aus. Wir liefern an über 70 Lebensmittelgeschäfte und Gastrobetriebe. Man will dann auch selber nicht mit dem Preis raufgehen, weil man Angst hat, dass man dann auch den Rest verliert, andererseits muss man mithalten mit den ganzen Preissteigerungen. Das ist eine schwierige Situation. Wir hatten begonnen einen Hofladen zu bauen. Durch den Rückgang unserer Einnahmen haben wir die Baustelle derweil stillgelegt.

 

 

Irmgard Bloder, Biohof Bloder, Schafmilchprodukte und Lammfleisch, Ilz, Steiermark

 

Persönliche Beziehung

 

Zur Corona-Zeit kamen viele Leute, weil sie froh waren, dass sie uns Direktvermarkter noch haben. Die Kunden kommen jetzt unregelmäßiger. Wir haben sehr viele langjährige Stammkunden und die sind sozusagen krisenresistent. Eine persönliche Beziehung zum Kunden macht in Krisenzeiten viel aus. Es gab eine kleine Unsicherheit, aber direkt einen Einbruch in unserem Kundenkreis kann ich nicht feststellen.

 

 

Martin Hager, Lammfleisch, Dornbirn, Vorarlberg

 

Produktion gedrosselt

 

Wir sind kein „coronageborener“ Direktvermarkter, sondern machen das schon viele Jahre. Natürlich hat Corona das Geschäft beflügelt. Wie haben so viele neue Kunden gewonnen, dass wir gar nicht alle bedienen konnten. Auch die Stammkunden haben noch mehr gekauft als vorher. Während der Pandemie war der Verkauf bei uns auf einem hohen Niveau. Wir haben einzelne Kunden in der Gastronomie, aber der größte Teil unseres Lammfleisches wird ab Hof verkauft und nichts im Handel. Wir haben den Markt genau beobachtet und in weiser Voraussicht die Produktion letztes Jahr gedrosselt. Wir haben weniger Rinder und Schweine eingestallt und die großen Raubtiere auf der Alm haben ihren Beitrag zu einem niedrigeren Bestand an Lämmern geleistet. Wir haben letztes Jahr wieder all unser Fleisch zu unserem Preis verkaufen können, aber die Kunden bestellen weniger vor und somit ist der Verkauf jetzt weniger planbar. Auch Stammkunden bestellen wieder weniger als in den Lockdowns, weil sie nicht mehr so viel zu Hause kochen müssen. Wir haben auch Kunden, die aufgrund der Teuerung unser Fleisch nicht mehr kaufen. Der Preis für gemischte Pakete ist nahezu gleich geblieben, Edelteile sind teurer geworden. Edelteile werden aber immer gekauft, egal was sie kosten. Der Absatz von Wurstwaren ist jedoch seit Jahren rückläufig.

 

 

Stefan Pucher, Lammfleisch, Gnas, Steiermark

 

Auf und Ab im Handel

 

Zur Corona-Zeit verkauften wir 30 Prozent mehr von unserem Lammfleisch im Handel. Jetzt verkaufen wir in unseren vier Verkaufsstellen im Lagerhaus wieder 30 Prozent weniger. Der Ab-Hof-Verkauf blieb jedoch die ganze Zeit über unverändert, da uns unsere Stammkunden die Treue halten.

 

 

Silvia Krenn, Ziegenhof Krenn, Ziegenmilchprodukte, Gleisdorf, Steiermark

 

Überlegt aufzugeben

 

Zur Corona-Zeit lief das Geschäft so gut, dass ich dreimal so viele Ziegen hätte melken können. Beim Ab-Hof-Verkauf merken wir nichts von den verschiedenen Krisen, aber beim Absatz der Geschäfte, an die wir liefern, sehr wohl. Dort lief das Geschäft letztes Jahr absolut nicht. Einerseits weil die Geschäfte zu viel auf den Preis aufschlagen, andererseits, weil die Konsumenten zu sparen beginnen. Dort, wo wir früher dreimal im Monat geliefert haben, fahren wir jetzt noch einmal in zwei Monaten hin. Ganz ehrlich, wir haben heuer überlegt, ob wir überhaupt noch weitermachen. Doch es wäre auch schade, den in sechs Jahren aufgebauten Kundenstock und Hofladen wieder aufzugeben.

 

 

Barbara Lostuzzo, Biohof Immenroth, Lammfleisch, Paldau, Steiermark

 

Verlässliche Stammkunden

 

In unserem Fall wirken sich die verschiedenen Krisen nicht aus, weil wir so viele Stammkunden haben, die die Qualität unseres Fleisches schätzen und gern ihr Geld dafür ausgeben. Wir schlachten zweimal im Jahr. Dann rufe ich die Kunden an oder sie fragen selbst nach. Meist kaufen sie gleich eine größere Menge auf Vorrat und holen das Fleisch direkt am Hof ab oder ich stelle es zu. Meinen Kunden gefällt es, dass sie mich persönlich kennen. Durch den Besuch bei uns oder das eine oder andere zugeschickte Foto oder Video von mir, wissen sie auch, dass es den Tieren bei uns gut geht.

 

 

Josef Mayer, Biobauernhof Schreckgut, Lammfleisch, Bischofshofen, Salzburg

 

Kunden aus Corona-Zeit behalten

 

Unser Geschäft ist in der Pandemie gut gelaufen. Seitdem ist es nicht schlechter geworden. Wenn du ein gutes Produkt hast, kommen die Kunden von selbst. Wir verkaufen unser Lammfleisch hauptsächlich am Bauernmarkt in Bischofshofen, wo ich persönlich am Stand stehe. In der Corona-Zeit gewannen auch andere Vermarktungsschienen an Bedeutung, wie das Automatengeschäft oder der Onlinehandel auf verschiedenen Plattformen mit Versand in Kühlboxen. Obwohl dieser Trend wieder weniger wurde, konnten wir aus dieser Zeit doch viele Kunden behalten.

 

 

Sonja Trummer, Milchmädchen-Ziegenhof, Ziegenmilchprodukte und Kitzfleisch, St. Anna am Aigen, Steiermark

 

Angstmache vor Armut

 

Im ersten Corona-Jahr bemerkten wir keinen Anstieg des Umsatzes, im Gegenteil: Unsere Partner in der Gastronomie hatten geschlossen und wir konnten auch keine Verkostungen und Betriebsführungen veranstalten. Im zweiten Corona-Jahr kam uns die starke Werbung für die heimische Landwirtschaft zugute und wir gewannen viele Neukunden, von denen wir einige erhalten konnten. Auch in der Gastronomie stieg die Nachfrage nach unseren Produkten wieder stark an. Letztes Jahr ging der Absatz im Handel auch durch die Angstmache der Medien vor allgemeiner Armut stark zurück. Der Ab-Hof-Verkauf ist unverändert geblieben, und die Nachfrage in der Gastronomie nicht nur nach Ziegenkäse, sondern auch nach Kitzfleisch, ist weiterhin sehr stark.

 

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