06.04.2022 00:00 Alter: 246 days
Kategorie: Aktuelles Heft, Startseite

Der Stall der Eisseitziegen

Wenn die Sonne drei Monate lang hinter hohen Bergen verschwindet, stellt die Kälte einen Ziegenhalter mit Freilaufstall vor besondere Herausforderungen. Wird es im Frühling schnell wieder heiß, muss man flexibel sein.

Foto: Zufferey

Jedes Jahr ab Mitte November geht in Agarn im Schweizer Wallis die Sonne für drei lange Monate unter. Um diese Jahreszeit wird es für Reinhard Grand, Züchter von Walliser Schwarzhalsziegen, Zeit, seine Tiere in den Stall zu bringen. Er wohnt im etwas sonnigeren Nachbardorf Susten und arbeitet als Bauführer beim Gleisbau der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Seine 20 Ziegen hält er im Nebenerwerb. Nach der Arbeit fixiert Reinhard Grand seine Ziegen etwa ein- bis eineinhalb Stunden in einem Selbstfanggitter. Das erlaubt es ihm, die langhaarigen Schwarzhalsziegen zu bürsten und regelmäßig zu kämmen. Gemolken werden sie nicht. Sie bekommen Heu von Rundballen, die in einer ebenerdigen Scheune direkt neben dem Freilaufstall aufbewahrt sind. So hält sich der Arbeitsaufwand beim Füttern in Grenzen. Damit weniger Futterreste im Futtertrog zurückbleiben, reinigt er das Heu mit einer Heurüstmaschine von Staub und Heublumen. Die Heublumen nutzt er teil als Saatgut, teil gibt er sie an andere Bauern ab, die sie an ihre Kühe verfüttern.

 

Stalltür mit Zeitschaltuhr

 

Weil der Schatten der hohen Berge die Temperaturen bis weit unter den Gefrierpunkt sinken lässt, braucht es besondere bauliche Maßnahmen, damit Wasserleitungen und Selbsttränken nicht einfrieren. Tagsüber will Grand seine Ziegen trotzdem in den Laufhof lassen – Ziegen halten sich auch bei tiefen Minustemperaturen gerne im Freien auf. Die Türen, durch die sie tagsüber ins Freie gelangen, werden aber während der Fütterungszeit am Abend per Knopfdruck geschlossen. Es sind insgesamt drei Türen, durch die die Ziegen rein und raus gehen können. Davon lässt sich jede einzelne mit einer Fernbedienung steuern. Dank einer Zeitschaltuhr öffnen die Türen am nächsten Morgen automatisch. Wenn es besonders eiskalt ist, öffnet sich aber nur eine der drei Türen. Zusätzlich hat Grand zwei Elektroheizer eingebaut. Sie gewährleisten, dass die Temperatur im Stall nie unter sechs Grad fällt. Zwei Ventilatoren an der Stalldecke wehen außerdem aufsteigende warme Luft wieder nach unten. Dieselben Ventilatoren nutzt Grand im Frühjahr auch, um den Stall zu kühlen – er braucht sie dazu nur in die andere Richtung drehen zu lassen. Denn genauso schnell, wie es im Winter kalt wird, wird es im März, wenn die Sonne wiederkommt, im Stall zu heiß. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber noch zu früh, um die Ziegen wieder auf ihre Weiden zu bringen. Damit die Ziegen, die meist um diese Zeit kitzen, noch zwei, drei Tage Ruhe haben, separiert Grand sie mit leicht montierbaren Wänden. Die Kitze können sich dank eines Lämmerschlupfes sogar noch länger in ihren Kindergarten zurückziehen. Im Mai dürfen alle wieder auf ihre Weiden und schon kurz danach auf die Maiensässe zurückkehren. Die leicht auf- und abmontierbaren Zwischenwände erlauben es dann, den etwa 40 Zentimeter hoch festgetretenen Mist leicht aus dem Stall zu schaffen. Dank einem Traktor dauert das im Frühling gerade einmal eine halbe Stunde.

 

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